Vous êtes ici

Dezentral planen und handeln

Actualités Aménagement du territoire et logement Loris Meyer André Bauler

Die personelle Verstärkung der öffentlichen Verwaltung im Nordbezirk ist unabdinglich und würde der ganzen Region nutzen

Nach wie vor ist der ländliche Raum in Teilen Europas von Strukturproblemen und Landflucht gekennzeichnet. Seit der Wende befinden sich so zum Beispiel einige Gegenden Ostdeutschlands immer noch im Hintertreffen. Es fehlt an attraktiven Arbeitsplätzen, an sozialen Dienstleistungen und an kulturellen Angeboten. Kein Wunder, dass zwischen 1991 und 2012 rund vier Millionen Menschen diese Landstriche westwärts verließen. Die verbleibenden Bewohner verharren oftmals in Resignation und Enttäuschung.

Anfang der 1980er-Jahre befand sich die Nordspitze Luxemburgs in einer ähnlichen Situation. Damals wanderten vor allem jüngere Bürger aus dem Éislek in südlichere Landesteile ab, da sie keine passende Arbeit in ihrer Herkunftsregion fanden. Die regionale Wirtschaft des hauptsächlich von der Landwirtschaft geprägten Clerfer Kantons war zu einseitig aufgestellt. Es mangelte an öffentlichen Verwaltungen und an modernen Infrastrukturen; von regionaler Zusammenarbeit war nicht die Rede.

Dörfliche Wohn- und Lebensqualität im Wandel

1979 schlossen sich deshalb engagierte Bürger in der Vereinigung „De Cliärrwer Kanton“ zusammen, um den Sorgen des Nordens bei staatlichen Instanzen Gehör zu verschaffen. Mit ihren Initiativen machten sie auf die prekäre Lage des flächenmäßig größten Kantons aufmerksam.

Der beharrliche Einsatz sollte sich im Laufe der Jahre bezahlt machen. Interkommunale Initiativen wurden ins Leben gerufen und lokale Interessen zugunsten des regionalen Zusammenhalts untergeordnet. Geschlossenes Auftreten gegenüber nationalen Entscheidungsträgern verschaffte nach und nach Respekt und Gehör.

Eine gezielte Investitionspolitik, sowohl auf privater als auch auf öffentlicher Ebene, sollte ab den 1990er-Jahren neue Arbeitsplätze schaffen. Dies führte wiederum zu einem allmählichen Anstieg der Bevölkerung.

Heute, vierzig Jahre später, sehen sich die Bürger und die politisch Verantwortlichen in den ländlichen Gebieten unseres Landes erneut vor diverse Zukunftsfragen gestellt, die direkt oder indirekt mit der aktuellen Wachstumsdebatte verknüpft sind.

Wie sollen unsere Dörfer in zehn Jahren aussehen? Was können die Gemeinden und die Zivilgesellschaft konkret bewirken, um die Lebens- und Wohnqualität in unseren Ortschaften zu erhalten? Gibt es einen politischen Willen, den traditionellen Charakter unserer Dörfer und damit auch unsere Kulturlandschaft zu bewahren? Was bleibt zu tun, um den öffentlichen Transport qualitativ aufzuwerten?

Wie lassen sich günstige Arbeitsbedingungen für kreative Menschen schaffen? Was können die Gemeinden konkret tun, um lokale Geschäftszentren wieder anziehender zu gestalten? Und wie kann der gesellschaftliche Zusammenhalt stärker gefördert werden?

Dezentrale Arbeitsplätze schaffen

Sicherlich kann man die ländlichen Gegenden Luxemburgs nicht mit den abgelegenen Landstrichen der France profonde oder Südspaniens vergleichen. Dennoch darf man auf einige Baustellen hinweisen, an denen es auch hierzulande noch zu arbeiten gilt. Dabei geht es z.B. um die Verbesserung des Notdienstes, die Umgestaltung strategischer Straßenverbindungen, die Dezentralisierung staatlicher Verwaltungen oder die Diversifizierung ländlicher Wirtschaftsstrukturen; man denke etwa an die Kreativ- und Kreislaufwirtschaft oder an das Kunsthandwerk. Innovative Firmen, ob Start-ups oder klassische Handwerksbetriebe, weisen in die Zukunft und schaffen neue Arbeitsplätze.

Auch die personelle Verstärkung der öffentlichen Verwaltung im ländlichen Raum, vornehmlich in der „Nordstad“ als dritter nationaler Entwicklungspol, ist unabdinglich. Denn die in regelmäßigen Abständen beschworene administrative Dezentralisierung darf kein leeres Schlagwort bleiben. Im Koalitionsprogramm 2018-2023 wurde denn auch zu diesem Thema festgehalten: „Im Rahmen der Raumplanungspolitik wird eine Politik der wirtschaftlichen Dezentralisierung umgesetzt werden, deren Ziel es ist, mehr dezentralisierte Arbeitsplätze zu schaffen und „Open-Office“-Strukturen zu fördern, um den Pendelverkehr zwischen der Hauptstadt und dem Umland einzuschränken. (...). Die Dezentralisierungsbemühungen werden mithilfe der Entwicklungsunterstützung für die „Nordstad“ mittels öffentlicher Investitionen, der Umsetzung prioritärer Wohngebiete aus dem sektoriellen Leitplan „Wohnraum“, der Bereitstellung von Personal und der Ansiedlung von öffentlichen Dienstleistungen und Verwaltungen fortgesetzt werden.“

Insbesondere letztere Maßnahme ist von eminenter Wichtigkeit, da der Staat mit der Aufstockung seines eigenen Personals eine Art Führung in Sachen Dezentralisierung übernehmen kann. In puncto Raumplanung trägt eine gezielte Dezentralisation, wie etwa in Esch/Belval, dazu bei, dass nicht nur wirtschaftliche bzw. wissenschaftliche Aktivitäten geografisch besser verteilt werden, sondern auch die wachsende Bevölkerung und folglich der erforderliche Wohnraum.

Wer den Anschluss an die Zukunft nicht verpassen möchte, ist zudem auf zeitgemäße Mobilitätsinfrastrukturen angewiesen. Die kontinuierliche Verbesserung des eingesetzten Transportmaterials sowie die Zuverlässigkeit der Zugverbindungen sind daher die Voraussetzung für eine Aufwertung des öffentlichen Transports, besonders im ländlichen Raum. Ab 2021 sollen modernere Eisenbahnwaggons eingesetzt werden; ohne Zweifel eine unumgängliche Investition. Begrüßenswert ist zudem die von der Regierung angekündigte Bereitstellung von etwaigen On-Demand-Transportangeboten.

Auch stehen für den Zeitraum 2014-2020 über 16 Millionen an nationalen Fördergeldern bereit, um die Lebensqualität in ländlichen Regionen zu verbessern. Leider wurde bis März 2019 nur knapp eine Million dieses Budgets beansprucht, sodass sich unweigerlich die berechtigte Frage aufdrängt, weshalb Projektträger nicht stärker auf diese Hilfen zurückgreifen.

Der Staat muss eine Vorreiterrolle spielen

Unsere Wirtschaft wird sich in den nächsten Jahren durch den technologischen Fortschritt spürbar verändern. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und 3D-Druckverfahren spielen dabei eine wesentliche Rolle. Auch das Handwerk, vornehmlich das Kunsthandwerk, besitzt großes Potenzial, um den ländlichen Raum zu revitalisieren. Kreativ schaffende Menschen haben bereits einen neuen Arbeitsplatz im Ösling oder an der Mosel gefunden. Innovation, Ausbau der Breitbandinfrastruktur und schulischer Einrichtungen ebenso wie ein diversifiziertes kulturelles und touristisches Angebot sind nur einige Voraussetzungen für den Aufbau eines unternehmerfreundlichen Ökosystems, das die Entstehung neuer mittelständiger Jobs in zukunftsweisenden Branchen auf dem Land begünstigt.

Vor allem aber muss der Staat mit gutem Beispiel vorangehen (z.B. Sekundarschulen in Redingen und Clerf, Naturschutzverwaltung in Diekirch) und sowohl die administrative Dezentralisierung als auch die wirtschaftliche Diversifizierung vorantreiben. In Italien unterstützt die öffentliche Hand so z.B. die Neubelebung historischer Gemäuer, indem diese kleine Unternehmen beherbergen.

Dass Clerf seit September 2018 Standort eines Lyzeums (LESC) mit europäischem Profil ist, tut der Region gut. Neben dem Wiltzer „Lycée du Nord“ trägt diese Sekundarschule wesentlich zur Attraktivität der Nordspitze bei. Das Makerfest, welches das LESC Anfang Juli organisierte, stellte sich als erfrischende Initiative heraus. Hier begegneten sich ideenreiche und experimentierfreudige Menschen unterschiedlichen Alters. Sie zeigten im Kleinen, welche Zukunftsperspektiven sich in den nächsten Jahren auftun und das Bildungsangebot in unseren Schulen heute schon beeinflussen.

Gesamtstrategie erfordert

Dezentralisierung und Digitalisierung sind wichtige Voraussetzungen für zukunftsorientierte Arbeitsplätze auf dem Land, für weniger Pendelverkehr und mehr wirtschaftliches Gleichgewicht zwischen Stadt und Land. Mittlerweile zweifelt dies fast niemand mehr an. Wer eine ausgeglichene Entwicklung des ländlichen Raums anstrebt und dessen Lebensqualität bewahren möchte, muss sich dieser Aufgabe stellen. Dafür braucht es eine wohlüberlegte Gesamtstrategie. Digitalisierung, medizinische Grundversorgung, hochwertige Mobilitätsangebote sowie Anreize für innovative Unternehmen sind nur einige Stichwörter in diesem Zusammenhang.

Technologische und digitale Veränderungen bieten handfeste Chancen für eine aussichtsreiche und ausgewogene Entfaltung des ländlichen Raums. Weshalb sollte dieser also nicht als Wohn- und Arbeitsort an Attraktivität gewinnen?