Colette Flesch

Colette Flesch – Kein politisches Bedauern

„Colette, du kannst vor der Tür parken.“

„Nein, ich komme zu Fuß. Ich wohne in der Oberstadt.“

Um 15 Uhr ist Colette Flesch da. Es sind 35 Grad. Eine Flasche Mineralwasser und los geht’s.

Das Einzelkind Colette Flesch aus Düdelingen wurde am 10. Mai 1940 mit ihren Eltern nach Frankreich evakuiert. Der Vater ist der Leiter des Walzwerks Düdelingen und war gerade vor acht Tagen aus dem Krankenhaus. Er fährt drei Tage und drei Nächte durch. Im Juli stirbt er in der Dordogne. Colette ist drei Jahre alt.

Colette Flesch und ihre Mutter blieben bis 1945 im Hexagon. Sie wohnen zuzsammen mit Großeltern, der Tante und ihren Kindern. („Mein Cousins und Cousinen und ich waren wie Schwestern und Brüder“). Colette und ihre Mutter kehren nach Luxemburg zurück und leben in der Stadt. Das Mädchen kann nur Französisch und muss schnell Luxemburgisch und Deutsch lernen. „Immer wenn ich Französisch sprach, bekam ich Schläge von meinen Spielkameraden. Das war der beste Weg, es schnell zu lernen.“ Die Mutter sorgt dafür, dass Colette eine gute Jugend hat. Sie geht arbeiten, was damals eine Ausnahme war.

Nach dem Mädchenlyzeum schrieb Colette Flesch mehrere Bewerbungen an amerikanische Universitäten. Sie erhielt ein Stipendium und studierte am Wellesley College und an der Fletcher School of Law and Diplomacy in Massachusetts.

1962 bewarb sich Colette Flesch um eine Stelle beim Außenministerium: „Ich wurde unter verschiedenen Vorwänden habgewimmelt, im Grunde weil ich eine Frau war“. In diesem Ministerium würde es weitere neun Jahre dauern, bis unter Gaston Thorn 1971 die erste Frau eine höhere Karriere antreten konnte.

1964 erhält Colette Flesch eine Anstellung im Generalsekretariat des EG-Ministerrates in Brüssel. 1968 wurde sie von Gaston Thorn gefragt, bei vorgezogenen Parlamentswahlen zu kandidieren. „Es war vor dem 50. Jahrestag des Frauenwahlrechts und ich war Fechterin bei den Olympischen Spielen in Mexiko im Oktober. Er rief um sieben Uhr abends an, ich hatte gerade 15 Leute zu Besuch.“ Die Mutter sagte sofort: „Ich weiß schon, wie du dich entscheidest“. Am nächsten Morgen, um Viertel vor sieben, ruft Gaston Thorn erneut an und Colette sagt ihm zu. Die CSV und die Sozialisten hatten ebenfalls bei ihr angefragt, aber die Enkelin des liberalen Abgeordneten Dr. Auguste Flesch geht mit der DP in die Wahlen.

Colette Flesch wird als zweite Ersatzkandidatin gewählt. Als Gaston Thorn und Eugène Schaus in die Regierung mit der CSV eintreten, rückt sie in die Kammer nach. Ihre Kollegen überließen ihr sofort das Mandat im Europäischen Parlament, für das es zu diesem Zeitpunkt keine direkten Wahlen gab, sondern eine Berufung durch die nationalen Parlamente. In Brüssel verdiente Colette damals 36.000 Franken, und Abgeordneter waren es noch 3.000 Franken – ohne Sozialversicherung. Sie arbeitet daher halbtags beim Automobilclub.

Du musst es annehmen!

Einige Monate später kommt die nächste Wende: Colette Flesch nimmt an den Kommunalwahlen in Luxemburg teil und wird mit 2.000 Stimmen Vorsprung erstgewählte auf der DP-Liste – vor Camille Polfer und vor Boy Konen. Im Wahlkampf hatte die DP versprochen, dass der erstgewählte Bürgermeister werden würden. Colette Flesch war die einzige Frau auf dem ‚Knuedler‘, noch nie in einem Stadtrat gewesen und bei weitem die Jüngste unter all den Männern: „Ich wollte überhaupt keine Bürgermeisterin werden, aber Gaston Thorn meinte: Du musst es annehmen!“ Und der spätere Premierminister fügte einen Tipp hinzu: „Du musst am Anfang hart arbeiten; du musst jeden Vorgang besser kennen als alle anderen.“

Gaston Thorn geht 1981 als Kommissionspräsident nach Brüssel und wird von Colette Flesch in der Regierung ersetzt. Sie wird stellvertretende Ministerpräsidentin, Außenministerin (mit Außenhandel und Entwicklungshilfe), Justizministerin und Wirtschaftsministerin (inklusive Mittelstand).

Verdämmernde Industrie

Zu der Zeit war die Stahlkrise und kurz nach ihrem Amtseid saß Colette Flesch sofort 17 Stunden in der Tripartite: „Ich dachte, das fängt ja schon gut an.“ Die Krise ist groß und die Nervosität auch. Nach der Rückkehr von einer Reise in die USA bezeichnete die Wirtschaftsministerin die ARBED als dahin dämmernde Industrie (Industrie crépusculaire) Ein Satz, der viel Aufregung verursachte und der sie niemals loslassen sollte: „Ich würde diesen Satz noch einmal sagen, weil ich leider gelegen habe“, betonte sie heute. „Ich habe wohl ein zu starkes Wort verwendet. Ich sagte auch, dass wir die Stahlindustrie natürlich retten müssen, aber dass wir auch in Zukunftsindustrien investieren müssen. Darüber hinaus war es eine Botschaft an die Menschen außerhalb des Südens – bei denen ich ein gewisses Unbehagen registrierte -, dass nicht alle Anstrengungen ausschließlich der ARBED zugute kämen.“

Der Sport half Colette Flesch in solchen Momenten: „Im Sport habe ich gelernt zu gewinnen und zu verlieren“. Eine sportliche Haltung, die sie auch nach den Wahlen 2013 von der DP erwartet hatte: „Ich habe mit Überzeugung für die Dreiparteienkoalition gestimmt, aber zumindest hätte man mit der CSV sprechen sollen“.

Die ehemalige Vize-Premierministerin, Abgeordnete und Hauptstadtbürgermeisterin war oft die erste Frau, die sich um ein Amt bewarb, sie beliebt aber dabei, dass Frauenquoten kein Allheilmittel sind. Die wichtigste Voraussetzung sei, dass Frauen bereit sind, sich zu engagieren. Und die DP war – zumindest seit 1968 – immer bereit, Frauen eine Chance zu geben.

Rückblickend bereut Colette Flesch nichts. „Jeder, der Entscheidungen trifft, macht auch Fehler. Aber ich sehe nichts, wo ich heute eine grundlegend andere Entscheidung treffen würde.“

Colette Flesch
Colette Flesch
Colette Flesch
Colette Flesch
Colette Flesch
Colette Flesch

Gleichstellung

Auf nationaler Ebene ist sie froh und dankbar, dass sie zu einigen sehr wichtigen Reformen beitragen konnte: Der Abschaffung der Todesstrafe, der Liberalisierung der Abtreibung, der Einführung der Palliativversorgung und der Depenalisierung der Sterbehilfe.

Colette Flesch lag die Reform der Bürgerrechte verheirateter Frauen besonders am Herzen: Die Reform der Eheregime von 1974 und insbesondere die Reform der Rechte und Pflichten der Verheirateten von 1972. Eine Gesetzesvorlage von grundlegender Bedeutung, die die meisten Gesetze zur Verbesserung der Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft erst möglich machte: „Ein Projekt, das übrigens 1972 vom damaligen Justizminister Eugène Schaus eingereicht wurde. Und nicht – wie manche Leute denken – von der DP-LSAP-Regierung von 1974-1979 “.

Nach einer Dreiviertelstunde trinkt Colette Flesch ihr Wasseraus. Notizen musste sie nicht einpacken, sie hatte keine dabei. Es ist immer noch heiß und schwül.

„Colette, soll ich dich nach Hause fahren?“

„Nein, danke, ich habe noch ein paar Dinge in der Stadt zu tun …“.

Eine starke Frau. Mit beiden Füßen fest auf dem Boden.

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