Philippe Wilmes

Erste Lehren aus der COVID-Krise

Seit März ist unser Land von der COVID-Pandemie betroffen und unser Gesundheitssystem steht unter enormem Stress. Die Krise hat gezeigt, dass auf allen Ebenen unserer Gesellschaft ein hohes Maß an Solidarität besteht und dass sich diese Gesellschaft schnell an existenzielle Veränderungen umstellen kann.

In den wenigen Wochen von März bis Mai hat unser Gesundheitssystem bei allen Akteuren eine enorme positive Dynamik erfahren: Es hat sich gezeigt, dass in einem guten Gesundheitssystem es vor allem viele einzelne Menschen sind, die ihre Fähigkeiten einsetzen. Strukturen sind lediglich ein Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck.

Die über viele Jahre gewachsenen Gräben konnten vorübergehend überwunden werden. Die Krankenhäuser arbeiteten unkompliziert zusammen – untereinander und mit den Behörden. Angehörige von Gesundheitsberufen waren auf allen Ebenen direkt an den grundlegenden Diskussionen beteiligt und konnten sich an der Entscheidungsfindung beteiligen. Ärzte – mit ihrer unverfälschten Erfahrung aus dem direkten Kontakt mit Patienten und ihrem über die Jahre gesammelten Wissen – wurden endlich direkt in Entscheidungsprozesse eingebunden.

Auch bei der Erstversorgung war der Einsatz groß, die ‚Centre de Soins avancés‘ (CSA) – die erste Anlaufstelle für Patienten – waren von großer Bedeutung und spielten eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Krise.  Genauso wie die Notaufnahmen in den Krankenhäusern, wie die COVID- und Intensivstationen, bei denen Ärzte und Pflegepersonal Patienten rund um die Uhr behandelten und betreuten.

Die Krise hat jedoch auch die verbesserungswürdigen Seiten unseres Gesundheitssystems aufgezeigt. In den neunziger Jahren schien es der Politik richtig, die Medizin weitgehend in den Krankenhäusern zu konzentrieren. Was einerseits praktisch aussah, hatte andererseits auch wirtschaftliche Vorteile für unser Sozialversicherungssystem: Indem wir Beratung, Röntgen, Operation und Nachsorge in ein Haus packten und mit einem vordefinierten Budget finanzierten, bietet man dem Patienten alles an einem Ort und kontrolliert auch noch die Kosten dieses Angebots.

Im Laufe der Jahre wurde es für Patienten jedoch immer schwieriger, Zugang zu medizinischen Leistungen zu erhalten. Es beginnt mit dem Zugang zu Krankenhäusern, der nirgends zufriedenstellend ist. Dies geht weiter mit dem Problem, einen Termin zu bekommen, insbesondere wenn es um verschiedene Untersuchungen wie etwa ein MRT geht. Hieran ist die Planwirtschaft, die die Anzahl der Maschinen und Geräte über ein Budget begrenzt – ohne den medizinischen Fortschritt im Laufe der Zeit zu berücksichtigen – sicherlich mit Schuld.

Es kommt dazu, dass es bei den Ärzten an Nachwuchs mangelt, weil der Beruf an sich zwar faszinierend ist, die vielen Jahre des Studiums und die Arbeitsbedingungen danach immer mehr junge Leute abschrecken. Die medizinische Versorgung in Luxemburg wird heute von so wenigen Ärzten pro Kopf erbracht, wie quasi in keinem anderen Land der Welt. Mit der Zeit gibt es immer weniger Ärzte, die immer mehr arbeiten müssen, um alle ihre Patienten versorgen zu können. So werden sich die Wartezeiten für einen Termin weiter erhöhen.

Während der Krise wurde klar, dass ein rein krankenhauszentrierter Ansatz nicht das richtige Rezept für die Zukunft ist, um unseren Patienten eine zugängliche und hochmoderne Medizin anzubieten. Da die Strukturen nur ein Mittel zum Zweck sein sollten, muss die Frage gestellt werden, ob die Krankenhausstrukturen noch zweckmäßig sind.

Wegen der Art und Weise, wie unsere Krankenhäuser gebaut sind – und weil viele verschiedene Menschen ständig ein- und ausgehen -, mussten die Kliniken von März bis Mai für fast alle Patienten außer COVID-Patienten geschlossen sein. Nur eine sehr rudimentäre Notfallversorgung wurde aufrechterhalten. Dies hat dazu geführt, dass eine große Zahl von Patienten, etwa in der Radiologie bis heute auf ihre Untersuchungen, Diagnosen und Behandlungen warten muss.

Wir brauchen daher ein System, das neben den Krankenhäusern den Wert der Erstversorgung anerkennt und auch ambulante Einrichtungen anbietet. Diese sollten dezentralisiert, näher an den Leuten und vor allem besser zugänglich sein. Außer Konsultationen sollte der Patient dort auch Zugang zu Röntgenaufnahmen, Scans, MRT und Endoskopie haben. In der Krise wäre es so möglich gewesen, weiterhin ein hohes Maß an „normaler“ Medizin anzubieten und so die erschreckenden Schäden zu verhindern, die wir jetzt bei unseren Patienten sehen. Ein solches System hätte auch sonst nur Vorteile: Ein sichtbarer, zugänglicher und ambulanter Gesundheitsdienst würde die spezialisierten stationären Dienste der Krankenhäusern ergänzen.

Die Krise ist noch nicht vorbei. Die Zahlen müssen uns weiterhin beunruhigen. Tatsächlich riskieren wir es im Herbst eine weitere Welle zu erleben, die möglicherweise größer und komplizierter sein könnte als die im Frühjahr. Verschiedene Überlegungen – wie die Konzentration von COVID-Patienten in einer spezifischen Einrichtung – sollten unbedingt weiter gedacht werden.

In jedem Fall hat die Krise eine Reihe von diskussionswürdigen Fragen zur Organisation unseres Gesundheitssystems auf den Tisch gelegt, die nicht länger ignoriert werden können.

Dr. Philippe Wilmes, 39, ist Orthopäde und Traumatologe. Das DP-Mitglied hat sich bereit erklärt, den ersten „Blogpost“ für das DP-Magazin zu schreiben.

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