„OFT ZUR RECHTEN ZEIT AM RECHTEN ORT“

Anne Brasseur öffnet die Tür ihrer Wohnung in Hollerich und strahlt über das ganze Gesicht. So sieht Zufriedenheit aus, denke ich mir. Im Hintergrund läuft ein klassisches Klavierkonzert. Kein Zufall, wie sich später herausstellen sollte.

Ännchen wächst in der Groussgaass (Grand-rue) auf, über dem traditionellen Bekleidungsgeschäft Maison Brasseur, das ihre Eltern zu jener Zeit betreiben. Der Vater besucht nach Feierabend einen Stammtisch im Café Kathedral in der Beckstraße. Dort trifft er sich mit Kollegen, die mit der Politik vertraut sind. So bekommt das Mädchen bereits mit jungen Jahren einen Einblick in das politische Geschehen, wenn der Vater am Abendtisch von den Gesprächen erzählt.

In der Spielschule in der Aldréngerschoul sieht Ännchen noch den letzten Charly (alte Zugverbindung mit Echternach zwischen 1904 und 1954) durch die Stadt fahren. Anschließend besucht sie die Primärschule für Mädchen in der Kongregationsschule und danach das Mädchenlyzeum auf Limpertsberg: „Ich war nicht die beste Schülerin, ich hatte viele Freizeitaktivitäten, wie Tennis, Pfadfinder und Musik“.

TANZTEES

Im Alter von 12 Jahren nimmt Ännchen ohne Wissen ihrer Eltern an einem Musikwettbewerb in der RTL-Sendung École buissonnière im Gitarrenduo mit Guy Schons teil. Als ihre Eltern davon hören, war, „meine Musikkarriere vorbei“. Aber die Musik sollte weiter eine große Rolle in ihrem Leben spielen.

Anne Brasseur freundet sich später mit den Mitgliedern eines Orchesters an. Sie hilft bei der Organisation von Teetänzen und begleitet das Orchester bei Thés Dansants auf Schéiss und im Casino in der Ënneschtgaass (rue Notre-Dame). Auf diese Weise verdient sie nebenbei etwas zusätzliches Taschengeld. „Sogar die Nonnen der Ste Sophie haben uns für einen Tanztee engagiert“.

Nach ihrem Sekundarabschluss studiert Anne Brasseur Psychologie in Tübingen und Mannheim. Die Auswirkungen von Mai 68 sind damals auch in Deutschland zu spüren: „Aber das hat mich nicht weiter geprägt. Mein Weg war immer ein Weg der Toleranz“.

1975 beginnt Ännchen ihre berufliche Laufbahn am SPOS in Esch im Lycée des garçons und an der Berufsschule. Anschließend wirde sie die erste Direktionsbeauftrage des SCAS (Service Centre d’Assistance Sociale – Zentrales Sozialamt).

VEREIDIGUNG MIT WERNER UND SANTER

Gleichzeitig bittet Colette Flesch sie, mit der DP an den Kommunalwahlen teilzunehmen. „Ich war am Anfang überrascht. Aber die DP suchte junge Kandidaten und Frauen. Und ich habe überraschend gut abgeschnitten“. Die CSV ist damals in der parlamentarischen Opposition und so wird Ännchen zusammen mit den CSV-Granden Pierre Werner, Jacques Santer und Jean Dupong vereidigt. „Das hat mich beeindruckt“. Anne Brasseur ist damals die einzige Frau im Luxemburger Gemeinderat – neben Bürgermeisterin Colette Flesch.

Vom Knuedler wechselt Anne Brasseur 1979 ins Parlament, wo sie u.a. Berichterstatterin des Anti-(Stahl-)Krisen-Gesetzes ist (Erhöhung der Mehrwertsteuer, der Akzisen und Einführung einer Solidaritätssteuer). „Ein Gesetz mit unpopulären Maßnahmen, um dessen Berichterstattung sich kein anderer Parlamentarier sonderlich bemüht hat“, schmunzelt sie heute.

Anne Brasseur ist Mitglied des Schöffenrats in Luxemburg-Stadt von 1982 bis 1999 und von 2005 bis 2009. „Ich mochte immer die Herausforderungen. Deshalb war ich u.a. für das Ressort des Verkehrs verantwortlich. Ich erinnere mich vor allem an die Einführung des Park+Ride, der Busspuren und des Parking résidentiel. Bis heute bin ich stolz auf meine Idee einen Spielplatze auf Knuedler anzulegen. Es sind nämlich nicht nur die großen Projekte, die zählen. Auf Gemeinde-Niveau kann man den Menschen oft ganz konkret helfen. Der persönliche Kontakt mit den Bürgern ist mir sehr wichtig“.

NOCH EINMAL SO ENTSCHEIDEN

1999 steht Anne Brasseur vor der Entscheidung, Bürgermeisterin zu werden oder in die Regierung zu wechseln. Sie entscheidet sich für die Regierung Juncker-Polfer und wird verantwortliche Ministerin für die Bildung und den Sport. Bei den Menschen bleiben vor allem zwei Entscheidungen in Erinnerung. Das Motto Back to Basics (mehr Wert auf Lesen, Schreiben und Rechnen legen) und die Einführung von Koeffizienten für die 2 Fächer Ethik und Religion. „Ich würde heute die gleiche Entscheidung treffen. Lesen, Schreiben und Rechnen sind die Basis der schulischen Bildung. Ohne Koeffizienten wurden Ethik- und Religionsunterricht nicht ernst genommen. Dabei gehört die Bibel für mich z.B. zur allgemeinen Kultur. Das hat nichts mit dem Glauben zu tun“.

Ein weiterer Höhepunkt für Ännchen ist ihr Vorsitz der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Sie erstellt den sehr kritischen Bericht über die Governance im Fußball. „Es war sehr aufregend, aber ich habe auch die Grenzen erlebt, wenn man ein solchen Systems aufbrechen will.“

FREUNDSCHAFTEN FÜRS LEBEN

Seit ihrem Rücktritt aus der Politik ist Anne Brasseur noch in diversen internationalen Organisationen aktiv. Sie hat mehr Zeit für ihren Enkel, liest, macht Sport und nimmt neuerdings Klavierunterricht: „Da muss ich jeden Tag üben“.

Ihren Gemütszustand bezeichnet Anne Brasseur als froh, zufrieden und in sich ruhend. „Ich war oft zur rechten Zeit am rechten Ort. Für jemanden, der nie wirklich Kandidat für etwas war, ist es mir im Leben ganz gut ergangen. Die Sachen haben sich einfach so ergeben. Ich hatte viel Glück im Leben. Und es geht mir weiter gut“.

Freundschaften sind sehr wichtig für Anne Brasseur – einige davon haben sich aus der Politik ergeben. „Die Freundschaften mit Colette Flesch und mit Lydie Polfer sind einmalig“, unterstreicht sie. Und sieht dabei noch zu zufriedener aus als am Anfang unseres Gesprächs…

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